15. Dezember – O

Nach unten oder nach oben? Es ist diese Grundfrage der Richtung, die die Bücher von Oliver Nachtwey „Die Abstiegsgesellschaft“ und von Olivia Fox Cabane „The Charisma Myth“ unterscheidet.

Das Buch von Oliver Nachtwey ist keine „bequeme“ Lektüre für einen netten Abend – das Buch ist unbequem und macht mich im Hinblick auf Chancengerechtigkeit und (fehlende) Solidarität sehr nachdenklich. Der Gedanke des Abstiegs ist heute greifbarer und näher als noch vor 10 oder 20 Jahren. Lebensläufe und Berufswege haben sich bei vielen anders entwickelt als gedacht und gehofft. Was macht das mit einer Gesellschaft, wenn viele Angst vor einem Abstieg haben? Wenn viele nicht glauben, daß es ihnen „so gut“ (oder gar besser) geht (und auch später noch gehen wird) als ihren Eltern? Wenn viele befürchten, daß es für ihre Kinder noch schwieriger wird? Für mich ist diese Angst ein wichtiges Thema der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen. Oliver Nachtwey spricht das Problem der fehlenden Solidarität offen an.

In Olivia Fox Cabanes Buch geht es gerade nicht um Solidarität, sondern – mit dem Thema Charisma – um Individualität. Spannenderweise ist sie der Ansicht, daß jeder Mensch Charisma lernen kann. Sie sieht Charisma eher als Methode oder Werkzeug und nicht als Gabe. Ob das stimmt, kann ich noch nicht beurteilen. Viele der Fragen und Übungen finde ich sehr interessant und habe sie für mich selbst auch schon angewendet. So hilft es tatsächlich, an seine Zehen zu denken, wenn man merkt, daß man in einem Gespräch gedanklich nicht ganz anwesend ist. Ein einfacher und sehr wirksamer Tipp ……..

In diesem Sinne wünsche ich Euch/Ihnen einen erfolgreichen und sorgenfreien 15. Dezember.

14. Dezember – N

Eine Frage der Perspektive? In diesem Punkt überschneiden sich Nuccio und Neil – die Autoren des heutigen Tages.

Vor ein paar Wochen war ich in Berlin – gerade als eine Ausstellung im Martin-Gropius-Bau begann. Ich suchte an diesem Samstagmorgen nach einem kulturellen Highlight und fand zufällig die Ausstellung „Der britische Blick: Deutschland – Erinnerungen einer Nation“. Neil MacGregor hat das Buch zu dieser Ausstellung geschrieben – „Der britische Blick: Deutschland – Erinnerungen einer Nation“. Es ist dieser Blick von außen, der diese Ausstellung und auch das Buch so spannend macht. Was ich an manchen Stellen durchaus als Nachteil, Schwäche oder unbeachtliches Detail ansah, bekommt durch die Augen des britischen Betrachters einen ganz anderen Wert. Was auf der einen Seite zum Beispiel die Zersplitterung in viele Kleinstaaten war, ist auf der anderen Seite eine frühe Notwendigkeit zu verhandeln und Kompromisse zu erzielen. Faszinierend dieser Blick von außen!

Einen besonderen Blick wirft auch Nuccio Ordine auf unsere Welt. In seinem Buch „Von der Nützlichkeit des Unnützen“ erläutert er – auf der Basis von vielen literarischen Beispielen – warum Literatur und Philosphie lebenswichtig sind. Ein wunderbares Buch, dem ich viele spannende Querverweise auf gute Bücher entnommen habe. Ja, auch für mich sind Literatur und Philosophie lebenswichtig und ich glaube, daß ein Teil unserer aktuellen Probleme auch damit zusammenhängt, daß wir uns an vielen Stellen auf das vermeintlich Nützliche beschränkt haben.

In diesem Sinne wünsche ich Euch/Ihnen einen perspektivenreichen Tag mit vielen nützlich unnützen oder unnütz nützlichen Erkenntnissen!

13. Dezember – M

Es gibt viele Autorinnen und Autoren in meinen Bücherregalen und Bücherstapeln, deren Vorname mit „M“ beginnt. Ich habe dieses Jahr sogar relativ viele dieser Bücher gelesen – umso schwerer ist es, eine gute Auswahl zu treffen. Michael (sogar zweimal) und Massimo haben „gewonnen“.

Irgendwann Ende letzten Jahres habe ich das Buch „Kurze Geschichte der Migration“ von Massimo Livi Bacci entdeckt. Es ist für mich ein wichtiger Aspekt, daß die Geschichte Europas eigentlich eine Geschichte der Migration ist. Massimo Livi Bacci hat einen Satz geschrieben, der mich gedanklich das ganze Jahr begleitet hat und den ich – unabhängig von allen anderen Fragen und damit verbundenen Herausforderungen – richtig finde: „Wir Menschen haben Beine“. Mit diesem Satz verbindet er, daß es untrennbar zu unserem Wesen gehört, daß wir uns von Ort und zu Ort bewegen und daß dies eine hilfreiche Eigenschaft ist, um uns unseren Lebensumständen anzupassen und sie zu verbessern. Kann man die Situation der letzten anderthalb Jahre besser zusammenfassen?

Besiedlung und Migration sind auch Themen der preußischen Geschichte. Michael Winteroll hat mich mit seinem Buch „Geschichte Preußens in Ausflügen“ in seinen Bann gezogen. Geschichte ist plötzlich keine bloße Abfolge von Daten und Ereignissen, sondern konkret an Orte und Gebäude angeknüpft. Es ist eine andere Art der „Geschichtsreise“ und ich habe das Lesen und auch den Besuch des einen oder anderen Ortes sehr genossen.

Eine andere Art von „Ausflug“ hat Michael Jacobs erlebt. Er ist immer wieder nach Spanien gereist, um das Geheimnis des berühmten Gemäldes von Velazquez „Las Meninas“ zu ergründen. In seinem Buch „Everything is happening“, das er vor seinem Tod nicht mehr ganz beenden konnte, erzählt er von seinen Reisen, seiner besonderen Beziehung zu diesem Gemälde und seinen Erlebnissen rund um seine Reisen. Sein Freund Ed Vullamy hat das Buch fertiggestellt – es ist schön, so an dieser besonderen Reise teilzuhaben.

In diesem Sinne wünsche ich Euch/Ihnen einen bewegten und bewegungsreichen 13. Dezember.

12. Dezember – L

Heute ist meine Wahl auf Luna gefallen – Luna Al-Mousli, die das wunderschöne Büchlein „Eine Träne. Ein Lächeln“ über ihre Kindheit in Damskus geschrieben und gestaltet hat.

Luna Al-Mousli erzählt kurze Geschichten aus dem Alltag ihrer Kindheit in Damaskus – es sind Geschichten über Familienmitglieder, über die Schule, über die Jahreszeiten. Es ist gleichzeitig schön und traurig, diese Texte zu lesen. Schön, weil sie so alltäglich sind und einen Alltag zeigen, der gleichzeitig fremd und vertraut ist, traurig, weil es diesen Alltag so nicht mehr gibt.

Mit diesem Zauber eines fremden Alltags wünsche ich Euch/Ihnen einen wunderschönen und im positiven Sinne alltäglichen 12. Dezember.

11. Dezember – K

Noch ein paar Seiten, dann habe ich das Buch der Autorin, die ich heute „ins Rennen schicke“ komplett durchgelesen. Katja heißt die Autorin, Katja Petrowskaja und ihr Buch „Vielleicht Esther“ verbindet sich für mich mit manchen Themen, die ich in den vorgehenden Beiträgen schon angeseprochen hatte.

Katja Petrowskaja entdeckt im Rahmen des Buches die Geschichte ihrer Familie. Sie findet ein Rezept ihrer Tante, das sie mit „Du“ anredet und ich denke an Italo Calvino, der seinen Leser duzt. Sie spricht von „Spielen ohne Sieger“ und ich denke an Johan Huizinga. Ihre Geschichte ist in mehrfachem Sinne eine Reise – zunächst eine Reise in Städte, die mit ihrer Familiengeschichte verbunden sind, eine Reise in die Geschichte ihrer Familie und eine Reise in den Umgang mit Geschichte. Sehr treffend schreibt sie an einer Stelle, daß etwas „Geschichte ist, wenn es plötzlich keine Menschen mehr gibt, die man fragen kann, sondern nur noch Quellen“.

Ganz wesentlich geht es in diesem Buch um das Sprechen, das Stummbleiben oder Verstummen und das Wiederentdecken der eigenen Sprache. Katja Petrowskajas Familie hat schon vor über hundert Jahren taubstumme Kinder unterrichtet und ihnen damit eine Sprache und einen Zugang zur Gesellschaft gegeben. In ihrem Buch schreibt sie dazu „Wer gehört wird, gehört dazu.“ Was sich hier zunächst auf die gesprochene Sprache bezieht, gilt aber weit darüber hinaus.

Hören wir noch die Geschichte und die Geschichten von damals? Hören wir eigentlich, wie sich die Geschichte von „damals“ heute auswirkt? Gehören diese Geschichten noch „dazu“? Ich hoffe es sehr!

In diesem Sinne wünsche ich Euch/Ihnen ein offenes Ohr an diesem 11. Dezember.

10. Dezember – J

Der Buchstabe J ist als Anfangsbuchstabe des Vornamens bei den Autorinnen und Autoren, die sich in meinen Bücherregalen und Bücherstapeln befinden, außerordentlich beliebt. Kein Moment, wo ich nicht auf einen Vornamen stoße, der mit „J“ beginnt. Ich habe also eine große Auswahl und damit auch die Qual der Wahl. Gewonnen haben schließlich Johan, Jesse und Jorge und „gewinnen“ paßt thematisch sehr gut zu den Büchern dieser Autoren.

Beginnen möchte ich mich Johan Huizinga und seinem Buch „Homo Ludens“. Inwieweit gehört Spielen eigentlich zu unserem Leben und zu unserem Menschsein dazu? Das ist aus meiner Sicht eine spannende Frage. Ich glaube ja, daß man vieles leichter lernen kann, wenn man spielerische Elemente nutzt. Aber Johan Huizinga geht in seinem Buch weiter – sogar viel weiter. Johan Huizinga definiert das Spiel anhand von einigen wesentlichen Kritierien: der Freiwilligkeit, der festgesetzten Grenzen von Raum und Zeit, der freiwilligen Annahme bindender Regeln, der Tatsache, daß das Spiel das Ziel in sich selber hat, das Vorhandensein von Spannung und Freude und dem Bewußtsein, daß gerade etwas anderes stattfindet als das gewöhnliche Leben. Interessanterweise nennt Johan Huizinga auch den amerikanischen Wahlkampf – als nationalen Wettstreit zwischen zwei Spielmannschaften – als ein Beispiel für ein politisches Spiel. Paßt dieser Gedanke (den Johan Huizinga schon in den 1930er Jahren formulierte) nicht sehr gut auf das, was sich dieses Jahr in den USA „abgespielt“ hat? Ging es Donald Trump vielleicht mehr um das Spiel und um das Gewinnen des Spiels als um die Inhalte?

Das Thema „Spiel“ hat mich dieses Jahr in vielerlei Hinsicht beschäftigt. Deshalb habe ich auch das Buch von Jesse Schell „Die Kunst des Game Designs“ gekauft und (zumindest teilweise) gelesen. Es geht mir nicht darum, ein Online- oder Videospiel zu entwickeln. Viel spannender finde ich, daß dieses Buch einen interdisziplinären Blick auf die Frage wirft, was ein Spiel ausmacht, welche Arten von Spielen und Spielern es gibt und wie man ein Spiel entwickelt. Jesse Schell nimmt ganz bewußt unterschiedliche Perspektiven ein und stellt damit Fragen, die für jedes Spiel und jede spielerische Herangehensweise von Bedeutung sind. Ich habe mich beim Lesen oft gefragt, wie ich einzelne Gedanken in andere Bereiche integrieren kann. Mal sehen, ob beziehungsweise was aus diesen Gedanken wird.

Ich möchte diesen „verspielten“ Beitrag aber nicht ohne Jorge Bucay und seine wunderschöne Geschichte „Gesangswettbewerb“ aus dem Buch „Komm, ich erzähl dir eine Geschichte“ beenden. Ich will nicht verraten, wovon die Geschichte handelt und wie sie ausgeht – aber überraschend ist das Wettbewerbsergebnis schon. Eine irritierende und doch irgendwie schöne Überraschung, die mich aber auch immer wieder nachdenklich macht.

In diesem Sinne wünsche ich Euch/Ihnen einen nachdenklichen und auch spielerisch leichten 10. Dezember.

9. Dezember – I

Zugegeben, beim Buchstaben „I“ ist mir nicht sofort jemand eingefallen. Ich mußte ein bißchen überlegen und an meinen Büchern entlangstreifen, bevor mir Italo auffiel – Italo Calvino mit seinem Roman „Se una notte d’inverno un viaggiatore“ (deutsch „Wenn ein Reisender in einer Winternacht“).

Was nach einem Roman über eine Reise klingt, ist eher eine „Lesereise“. Ein Leser hat ein Buch gekauft, eilt nach Hause, fängt an zu lesen und – gerade als es richtig spannend wird – stellt sich heraus, daß das Buch ein Fehldruck ist. Ab Seite 33 wiederholen sich die ersten Seiten immer wieder. Was nun? Der Leser eilt baldmöglichst in die Buchhandlung, um ein mangelfreies Exemplar zu bekommen. Aber auch das nächste Exemplar hat seine Tücken.

Italo Calvino tritt in einen persönlichen Dialog mit uns, den Lesern und spielt mit uns, unserer Neugier und unserer Liebe zum Lesen. Ein wirklich überraschendes Buch – ich habe es noch nicht ganz gelesen (das Lesen der Originalfassung dauert halt ein bißchen länger….) – aber jedesmal wenn ich denke, daß ich weiß, wie es weitergeht, passiert etwas völlig anderes. Selten fand ich ein Buch so überraschend und so lebendig. Wer mehr über das Buch von Italo Calvino wissen will, kann hier nachlesen.

In diesem Sinne wünsche ich Euch/Ihnen einen vergnügten 9. Dezember mit vielen schönen Überraschungen!

8. Dezember – H

Dieser Eintrag wird wieder heiterer als die vorigen – vielleicht liegt es ja am „H“, hier konkret an Henry und Heinz und (indirekt) auch an Hermann. Manches verbindet und manches trennt Henry und Hermann, die Zeitgenossen auf unterschiedlichen Kontinenten mit der Leidenschaft für Natur und irgendwie auch Reisen.

Heinz Ohff hat in seinem Buch „Der grüne Fürst“ das abenteuerliche Leben von Hermann Pückler-Muskau geschildert. Neugier und Reiselust zeichneten Hermann Pückler-Muskau Zeit seines Lebens aus. Er ist der geistig bewegliche Mensch, der vieles entdeckt – vor allem das Thema seines Lebens, die Gartengestaltung. Mit großer Begeisterung lernt er in England alles, was sich über das Anlegen von Gärten lernen läßt und dann startet er in Deutschland in das große Gartenabenteuer. Er schafft etwas völlig Neues, das wir noch heute bewundern und schön finden. Er schafft das obwohl (oder vielleicht gerade), weil er umstritten war. Heinz Ohff schreibt in seinem Buch sehr treffend, die „bisher ungeschriebene Geschichte des Nonkonformismus in Deutschland müßte Pückler jedenfalls ein langes und aufschlußreiches Kapitel widmen.“

Ein Individualist war auch Henry David Thoreau. Das verbindet ihn mit Hermann Pückler-Muskau. Aber seine Ansichten von Natur und Reisen waren doch anders. In seinem Buch „Vom Wandern“ schildert er, daß der Spaziergang (der richtige!) ein Abenteuer sein kann. Abseits der Wege, tief in den Wald hinein – denn Menschen haben Beine, damit sie darauf stehen oder gehen. Ein wichtiger Aspekt, der uns bei einem anderen Buchstaben noch begegnen wird. Henry David Thoreau hätte die Lebensweise und vor allem die Gartengestaltung von Hermann Pückler-Muskau vermutlich abgelehnt, er bevorzugte die wilde Natur.

Doch was sie darüberhinaus verbindet ist die Leidenschaft für ihre Themen, die Schriftstellertätigkeit und die Liebe für die Welt da „draußen“.

In diesem Sinne wünsche ich Euch/Ihnen einen schönen, neugierigen und reich gefüllten 8. Dezember.

7. Dezember – G

Den Buchstaben G fand ich schwierig. Es ist keineswegs so, daß es keine gute Autorinnen und Autoren gibt, deren Vornamen mit „G“ anfangen – aber in diesem Jahr habe ich wenig davon gelesen. Also habe ich noch einmal nachgedacht, geblättert und geschaut und mich dann für einen einzigen Autor entschieden – und zwar für Georg.

Georg Fink hat das Buch „Mich hungert“ geschrieben. Das Buch war 1929 ein großer Erfolg, 1933 wurde es von den Nazis verboten und war auch nach dem zweiten Weltkrieg lange nicht lieferbar. Ich habe es im Sommer 2015 in Berlin in der Buchhandlung Dussmann entdeckt.

Die Geschichte, die Georg Fink in dem Buch erzählt, ist bedrückend und traurig – wobei es eigentlich gar nicht nur die Geschichte an sich ist, die bedrückend und traurig ist, sondern die Stimmung, die Georg Fink mit jeder Zeile vermittelt. Es ist eine Atmosphäre der Armut, der existenziellen Not, des Ausgeliefertseins, der Chancen- und Machtlosigkeit. Ich selbst habe dies alles in meinem Leben bis jetzt nicht erlebt und ich bin sehr dankbar dafür. Gerade deswegen fand ich es wichtig, dieses Buch zu lesen und zumindest für einen Moment diese Perspektive einzunehmen. Was macht es mit Menschen, wenn sie sich ausgeliefert fühlen? Was macht es mit ihnen, wenn sie sich als machtlos und chancenlos empfinden? Das sind Fragen, die auch heute von Bedeutung sind – vielleicht sogar mehr, als in den letzten Jahren.

In diesem Sinne wünsche ich Euch/Ihnen einen 7. Dezember mit guten Perspektiven und vielen Chancen!

6. Dezember – F

Wer hat nicht schon einmal die Erfahrung gemacht, daß ein Gespräch anders verläuft, als man es sich denkt? Franz, Francis und Friedemann sind – alle drei auf ihre Art und Weise – Experten für dieses Thema.

Franz ist – natürlich – Franz Kafka. Die Gespräche in den Werken von Franz Kafka erscheinen immer wieder merkwürdig. Menschen sprechen nicht miteinander sondern aneinander vorbei, Fragen bleiben unbeantwortet – halt „kafkaesk“. Franz Kafka zelebriert diese Merkwürdigkeit der Gespräche geradezu und durch dieses Zelebrieren erscheinen sie uns als Lesern umso merkwürdiger. Natürlich sprechen wir im „echten Leben“ ganz anders miteinander – sprechen kann ja schließlich jeder.

Oder doch nicht? Auch Francis Bacon hat sich in seinen Essays schon Gedanken darüber gemacht, was eine gute Unterhaltung ausmacht. Schön ist der Gedanke, daß derjenige, der viel fragt auch viel lernt und erfährt. Francis Bacon mahnt aber, auch die anderen zu Wort kommen zu lassen. Wie aber kommt das an, was wir als Menschen tagtäglich äußern?

Hier kommt Friedemann Schulz von Thun ins Spiel. Natürlich können wir sprechen – aber dies allein befähigt uns noch nicht, gute Gespräche zu führen. Gelingende Kommunikation beinhaltet mehr als das Äußern von Worten. Es ist das Wissen um und gedankliche Einbeziehen vieler Faktoren – die Situation, die Beziehung mit dem „Anderen“, die eigenen Werte und die eigene Befindlichkeit. Manchmal überraschen uns andere mit Reaktionen, die wir nicht zuordnen können – manchmal können wir auch andere „so“ überraschen. Beim Lesen der Bücher von Friedemann Schulz von Thun habe ich oft Situationen entdeckt, die ich aus Gesprächen kannte. Es war immer wieder eine Art Spiegel, die Friedemann Schulz von Thun mir mit seinen Beispielen vorgehalten hat und wo ich (nur für mich) seufzend eingestehen konnte „ja, das hättest Du besser machen können“. Es ist vielleicht dieses Ringen um mehr Zuhören, weniger Mißverständnisse und das Kennen der eigenen Ausgangsbasis und Erwartungen, die wir heute in vielen Gesprächen dringend brauchen. Die Beschäftigung mit dem Thema „Kommunikation“ hat mich jedenfalls dazu gebracht, daß ich auch in schwierigen Gesprächsmomenten meistens noch frage „Wie meinst Du das?“ – oft war die Antwort auf diese Frage überraschend anders als ich gedacht hatte. Einfach sind gute Gespräche nicht – aber wir können ja jeden Tag üben, lernen und besser werden!

In diesem Sinne wünsche ich Euch/Ihnen einen 6. Dezember mit wunderbaren und lehrreichen Gesprächen.