Gar nicht so einfach ….

…. mit der Lebensfreude. Also eher: gar nicht so einfach über Lebensfreude zu schreiben. Irgendwie ist das Gefühl der Lebensfreude entweder „da“ oder „nicht da“, aber es läßt sich nicht einfach definieren, analysieren, in Worte packen. Das Gemeine: Lebensfreude stellt man oft erst im Nachhinein fest. In scheinbar einfachen und alltäglichen Begegenheiten, in der Schönheit des Alltags, den man – „mittendrin“ – oft gar nicht so deutlich wahrnimmt. Also keine leichte Aufgabe für mich, denn ich habe ja für dieses Jahr mein „Projekt Lebensfreude“.

Aber im Zurückdenken an die schönen Momente der letzten Jahre sind mir doch ein paar Situationen eingefallen, in denen ich ganz klar Lebensfreude gespürt habe und die ich auch jetzt heraufbeschwören kann. Für mich sind das die kürzeren oder längeren Spaziergänge, die Wanderungen – allein oder zu mehreren, manchmal auch die damit verbundene Einkehr in einem Café oder Restaurant. Die relativ langsame Bewegung durch die Landschaft, das Wahrnehmen der sich mit den Jahreszeiten verändernden Umgebung, das gedankliche Gespräch mit mir selbst oder das tatsächliche Gespräch mit anderen, lösen bei mir Lebensfreude aus. Das mag nicht immer funktionieren, nicht überall, nicht bei jedem Wetter – aber meistens ist es doch so. Und ich merke es auch, wenn ich länger keinen Spaziergang oder keine Wanderung gemacht habe. Dann fehlt mir etwas, ich werde unruhig. Die Bewegung beim Spaziergang gibt mir Zeit und Raum nachzudenken, das Leben zu genießen und mich an schöne andere Spaziergänge und Wanderungen zu erinnern.

Schön, wenn es so einfach sein kann!

Keine Vorsätze!

Am Sonntag, kurz vor Mitternacht, kam die Frage: Welche Vorsätze habt Ihr denn für das neue Jahr? Die meisten in unserer kleinen Runde zögerten sichtbar, niemand nannte einen konkreten Vorsatz, auch der Frager offenbarte seine Vorsätze für das neue Jahr nicht. Es ist ja gar nicht so leicht mit den „guten Vorsätzen“. Es gibt auch in meinem Leben viele Dinge, die ich besser tun sollte oder auch nicht mehr oder zumindest weniger tun sollte. Meine Liste könnte also wie folgt aussehen: früher aufstehen, früher ins Bett gehen, weniger Bücher kaufen, weniger Süßigkeiten essen, weniger Geld ausgeben ….. Alles durchaus sinnvoll und alles Dinge, über die ich schon oft nachgedacht habe. Aber das als Vorsatz für das neue Jahr? Nein, lieber nicht. Nicht, weil ich versagen oder scheitern könnte. Ganz im Ernst: wer hält bei seinen Neujahrsvorsätzen schon lange durch? Sondern eher, weil ich lieber darübernachdenken möchte, was ich in diesem Jahr – nach einem Jahr mit großen persönlichen Herausforderungen (siehe mein Beitrag vom 31.12.2017) denn versuchen möchte, angehen möchte, für mich thematisieren möchte. Für mich heißt es also: keine Vorsätze, aber ich habe viel vor!

Es sind diese Vorhaben, die meine Zeit im Laufe des Jahres hoffentlich mit spannenden, schönen und sinnvollen Inhalten füllen werden. Und was habe ich vor?
– wieder täglich drei Seiten schreiben. Ich habe in der Weihnachtszeit wieder angefangen und ich merke, wie gut es mir tut, einmal am Tag auf drei Seiten die Dinge festzuhalten, die mir einfallen, die mich bewegen, die mich stören oder an die ich mich gerade erinnere. Nur für mich, ohne konkretes Ziel und doch habe ich den Eindruck, daß sich aus diesen drei Seiten immer wieder spannende Gedanken und Inhalte ergeben, die ich weiterverfolgen kann und möchte.
– in diesem Blog eine Kategorie mit dem Namen „Projekt Lebensfreude“. Ich habe zu Weihnachten einen Notizkalender geschenkt bekommen, in dem es um die kleinen Freuden im Alltag geht. Es gibt so viele Gründe, die meisten Tage als Geschenk zu sehen und zu genießen – das war im letzten Jahr so und das wird auch in diesem Jahr so sein. Mit meinem „Projekt Lebensfreude“ möchte ich das für mich deutlicher und sichtbarer machen.
– wieder mehr Blogbeiträge schreiben (damit habe ich ja wenigstens schon angefangen …..)
– das Fragencafé mit Ruth mit vielen spannenden Inhalten füllen.
– mich wieder mehr mit Fremdsprachen beschäftigen. Es ist so schön, Texte oder gar Bücher in einer Fremdsprache zu lesen, Unterhaltungen in einer anderen Sprache zu verstehen und sogar mitreden zu können. Aber das erfordert auch stetige Übung …….
– endlich einige meiner vielen ungelesenen Bücher lesen. Es gibt so viele Bücher, die ich voller Vorfreude gekauft habe und noch nicht lesen konnte.
– meiner Neugier folgen und neue Themen, Orte und vor allem Menschen „entdecken“.

Das Schöne: nichts davon ist „verpflichtend“, nichts ist ein Muß, alles ist ein schönes „Kann“ und das macht es für mich umso reizvoller.

Ich wünsche auch Euch/Ihnen für 2018 wunderbare Vorhaben und viel Lebensfreude!

Einen Moment des Innehaltens und der Dankbarkeit

In wenigen Stunden geht ein Jahr zuende, das mir besondere Herausforderungen gebracht hat. Ich möchte diese Stunden nicht vergehen lassen, ohne kurz innezuhalten und noch einmal in Dankbarkeit an das zurückzudenken, was in diesem Jahr für mich besonders wichtig war.

Ich bin dankbar, daß ich beim Jahreswechsel 2016/2017 noch nicht wußte, welche Herausforderungen das Jahr für mich bringen würde. Es waren schöne und unbeschwerte Feiertage.
Ich bin dankbar, daß ich die Zeit und die Möglichkeit hatte, meine Mutter auch in den letzten Monaten bis zu ihrem Tod am 5. Dezember zu begleiten.
Ich bin dankbar, daß ich im August gemerkt habe, daß sich ihr gesundheitlicher Zustand verschlechtert und ich noch Zeit mit ihr verbringen konnte.
Ich bin dankbar, daß die SAPV Wuppertal GmbH uns in den letzten knapp zwei Wochen vor ihrem Tod betreut und begleitet hat.
Ich bin dankbar, daß ich meine Mutter ohne Tränen auf dem Weg ins Hospiz begleiten konnte. Es fiel mir so unendlich schwer, aber ich wollte ihr diesen Weg nicht noch schwerer machen.
Ich bin dankbar für die vielen Menschen, die mich im Laufe dieses Jahres – gerade auch während der schweren Zeiten begleitet haben. Danke vor allem an Ruth, Anni, Barbara, Birgit und Angela!
Ich bin dankbar, daß Menschen mir im Laufe dieses Jahres persönlich oder auch beruflich ihr Vertrauen geschenkt haben.
Ich bin dankbar, daß Menschen gerade in den Wochen und Monaten, in denen es meiner Mutter nicht gut ging, viel Verständnis für mich gezeigt haben.
Ich bin dankbar für die vielen guten Gespräche, die ich im Laufe dieses Jahres persönlich aber auch online geführt habe.
Ich bin dankbar für die vielen schönen Erinnerungen, die ich auch in diesem Jahr sammeln durfte.
Ich bin dankbar, daß Menschen mich über die Feiertage einladen wollten und mir Türen geöffnet haben. Ich bin nur wenigen Einladungen gefolgt, aber es war schön zu wissen, daß diese Menschen für mich da waren.
Ich bin dankbar für die vielen herzlichen Tweets, die Beileidskarten und die persönlichen Gespräche nach dem Tod meiner Mutter.
Ich bin dankbar für die Kontakte und Bekanntschaften, die sich im Laufe des Jahres ergeben haben.
Ich bin dankbar für die vielen lustigen und interessanten Twittergespräche – besonders gerne denke ich an den „Ameisenthread“ zurück.
Ich bin dankbar, daß ich die Herausforderungen des Jahres 2017 „gemeistert“ habe. Es war nicht einfach, aber ich möchte diese Zeit nicht missen! Danke an alle, die mich begleitet haben!

Ein Déjà-lu …..

Am Samstag hatte ich ein „Déjà-lu-Erlebnis“ – nein, das ist kein Tippfehler und nein, ich meine kein Déjà-vu. Es ging wirklich um das lesende Erleben einer Situation, die ich vor kurzem an anderer Stelle gelesen habe.

Im Dezember habe ich im Rahmen des Adventskalenders das Buch „Se una notte d’inverno un viaggiatore“ von Italo Calvino vorgestellt. Ich habe das Buch noch nicht zuende gelesen (reiner Zeitmangel und Ablenkung durch viele gute Bücher), aber der prägende Aspekt war für mich, daß der Leser in einem sehr spannenden Moment feststellt, daß die Geschichte im Buch nicht weitergeht, weil er einen Fehldruck in der Hand hält.

Am Samstag hatte ich mir – als gleichermaßen spannende und entspannende Lektüre für die Pausen an einem langen Unterrichtstag (Dozentenschicksal) – das Buch „Das Museum der Unschuld“ von Orhan Pamuk eingesteckt. Ich saß also in der Mittagspause mit meinem Buch an einem ruhigen Ort und las die Geschichte von Kemal, Sibel und Füsun bis …. ja, bis ich erwartungsvoll vom Ende der Seite 384 – wo es um einen Jeton zum Telefonieren ging – zum Anfang der nächsten Seite schaute und da ging es plötzlich nicht mehr um einen Jeton. Ich dachte zunächst, daß ich vor Müdigkeit (frühes Aufstehen an Kurstagen ist nicht gerade meine leichteste Übung) irgendetwas übersehen oder überlesen hatte. Aber nein. Kemal schildert am Ende meiner Seite 384 daß er einen „gerändelten Je-“ hat und auf der nächsten Seite geht es dann nicht, wie ich erwartete mit „ton“ weiter, sondern mit „nommen und das würde nur sehr schwer zu ertragen sein“.

Ich war einen Moment ratlos. Dann fiel mein Blick unten auf die Seitenzahlen – nach der bereits gelesenen Seite 384 (links unten) kam nämlich (rechts unten) Seite 353. Ich blätterte schnell weiter – wobei ich sofort an das Buch von Italo Calvino dachte. Ja, statt der Seiten 384 bis 416 enthält mein Exemplar zweimal die Seiten 353 bis 384. Das ist mir auch noch nicht passiert und irgendwie witzig, daß es mir gerade jetzt – kurz nach dem Entdecken und Anlesen des genialen Buches von Italo Calvino – passiert ist.

Ich bin noch unschlüssig, was ich jetzt mache. Natürlich hätte ich (aus rechtlicher Sicht) die Möglichkeit ein anderes Exemplar zu bekommen – aber vielleicht sollte ich jetzt erst einmal das Buch von Italo Calvino weiterlesen, was sich dort ergibt, bevor ich den Kaufbeleg heraussuche und irgendetwas unternehme. Und: ganz ehrlich, irgendwie ist es ja auch witzig, einen solchen Fehldruck zu besitzen ….. obwohl ich ja schon gerne wissen würden, was Kemal und Sibel auf den Seiten 385 bis 416 erleben. Es fühlt sich komisch an, das Buch im Wissen dieser Lücke einfach auf Seite 417 weiterzulesen.

Mein Lesezeichen befindet sich jedenfalls noch unverändert auf der ersten Seite 384.

Alle Jahre wieder ….

Unglaublich, wie schnell das Jahr vergangen ist. Es fühlt sich an, als ob ich „gerade“ erst den letzten Beitrag für den Adventskalender 2015 geschrieben habe – doch schon haben wir November 2016 und ich stehe (zumindest gedanklich) in den Startlöchern.

Ja, ich möchte auch dieses Jahr wieder einen „Adventskalender“ machen. Mir ist schon klar, daß niemand wirklich sehnsüchtig auf meinen Adventskalender wartet. Es gibt mittlerweile fast an jeder Ecke entsprechende Onlineangebote und vermutlich sind sie auch alle toller, schöner und kreativer als mein Adventskalender. Aber trotzdem. Irgendwie ist das Adventskalenderprojekt auch jedes Jahr ein kleiner Wettbewerb mit meinem inneren Schweinehund. Werde ich durchhalten? Werde ich jeden Tag rechtzeitig etwas schreiben und veröffentlichen?

In diesem Sinne möchte ich es auch dieses Jahr wieder versuchen – mit einer neuen Variante. In meinen Zimmern befinden sich viele Bücher. Meistens habe ich auch – egal wo ich bin – mindestens ein Buch dabei. Das ist schon ein ziemlich enges Verhältnis. Die Autorinnen und Autoren haben über ihre Bücher Zugang zu mir, zu meiner Seele und zu meinen Gedanken. Umso irritierender ist es irgendwie, die Bücher der Autorinnen und Autoren nach Familiennamen zu „sortieren“. Für meinen Adventskalender möchte ich daher Bücher, die ich in diesem Jahr gelesen beziehungsweise wieder gelesen habe, den einzelnen Tagen nach den Vornamen der Autorinnen und Autoren zuordnen. Am 1. Dezember werde ich also etwas über Bücher von Autoren/Autorinnen erzählen, deren Vorname mit A anfängt. Erstaunlicherweise habe ich beim Sortieren und Auflisten der Bücher/Autoren, die ich erwähnen möchte, mehrere rote Fäden gefunden. Das fand ich sehr spannend – gerade weil das nicht beabsichtigt war.

Aber davon demnächst mehr. Am Donnerstag geht es (hoffentlich) los!

Adventskalender 2015

Schon wieder?
Schon wieder ist ein Jahr fast vorbei und schon wieder ist Adventszeit.
Schon wieder überlege ich, ob ich der Flut an digitalen Adventskalendern noch einen weiteren hinzufügen soll.
Und schon wieder kann ich der Versuchung – die auch im Bezwingen des eigenen Schweinehunds liegt – nicht widerstehen.

Auch 2015 wird es daher ein kleines Adventskalenderprojekt geben – irgendwann heute werde ich den ersten Beitrag veröffentlichen. Nicht überraschend wird es wieder um Bücher gehen – diesmal aber nicht um meine Lieblingsbücher des Jahres (wobei die auch auftauchen werden), diesmal möchte ich mit Zahlen und Texten spielen. Heute wird es also – irgendwie – um die Zahl „Eins“ gehen.

Viel Spaß beim Lesen und beim Genießen der Adventszeit!

Unverändert verändert?

Wir leben in denkwürdigen Zeiten – aber vermutlich haben das Menschen schon immer über ihre Zeit gedacht. Es gibt Ereignisse und Entwicklungen, die mich traurig machen und erschrecken und es gibt auch immer wieder Lichtblicke. Der Blick in die Nachrichten, in Zeitungen oder in meine Twittertimeline erscheint mir immer wieder wie eine emotionale Achterbahnfahrt. Aber auch dieses Gefühl ist nicht wirklich neu – es gibt einen Romananfang, der für mich wie kein anderer auf diese Situation paßt:

It was the best of times, it was the worst of times, it was the age of wisdom, it was the age of foolishness, it was the epoch of belief, it was the epoch of incredulity, it was the season of Light, it was the season of Darkness, it was the spring of hope, it was the winter of despair, we had everything before us, we had nothing before us, we were all going direct to heaven, we were all going direct the other way – in short, the period was so far like the present period, that some of its noisiest authorities insisted on its being received, for good or for evil, in the superlative degree of comparison only.
(und hier der Link auf eine deutschsprachige Fassung)

Diese für mich so treffenden Zeilen stammen aus A tale of two cities – einem Roman von Charles Dickens über die französische Revolution. Charles Dickens schrieb diesen Roman zu einem Zeitpunkt als sich sein Leben stark veränderte – im Rückblick auf die großen historischen Veränderungen. Veränderung liegt aber auch jetzt „in der Luft“ ……

Die beste aller Zeiten und die schlechteste aller Zeiten
Es gibt sicher viele Beispiele, die ich hier erwähnen könnte. Für mich persönlich steht an dieser Stelle das Thema „Flüchtlingskrise“ im Vordergrund. Ich kann die Menschen verstehen, die sich in einer für sie ausweglosen und perspektivlosen Situation auf den Weg nach Europa und nach Deutschland machen. Vermutlich würden wir auch so handeln, wenn wir in dieser Situation wären. Ich habe in den letzten Wochen begeistert und geradezu gerührt verfolgt, mit welcher Anteilnahme die Menschen in Deutschland begrüßt wurden und wie viele Aktionen und Projekte ins Leben gerufen wurden. Es war auch einer der wenigen Momente der letzten Jahre, in denen ich tatsächlich der Politik und der Haltung der Bundeskanzlerin zustimmen konnte.

Doch die letzten Wochen haben auch viel Unschönes gezeigt. Die Berichte aus Ungarn, die end- und fruchtlosen Diskussionen der Europäischen Union über eine Verteilung von Flüchtlingen, die Anschläge auf Unterkünfte für Flüchtlinge, die Diskussion um die zahlenmäßige Begrenzung des Asylrechts, die Forderung nach Grenzkontrollen und Grenzschließungen, die Diskussion über „Transitzonen“ an der Grenze, die Zunahme von fremdenfeindlichen Äußerungen und Demonstrationen, die unklare Lage in Syrien und die Anschläge in Ankara stehen beispielhaft für die negative Seite.

Weisheit und Torheit
Was ist weise und was ist unsinnig? Vermutlich läßt sich im Rückblick vieles leichter erkennen und einordnen. In zwanzig Jahren werden wir vielleicht schon wissen, ob unsere Entscheidungen in diesem Jahr gut waren, ob wir gut gehandelt haben und wie sich unser Weg entwickelt hat. Aber was machen wir bis dahin?

Die Schwierigkeit ist, daß wir mit einer veränderten Situation umgehen müssen. Veränderung ist für viele Menschen erst einmal bedrohlich. Es hilft wenig, diese Ängste als „unbegründet“, „irrational“ oder „unsinnig“ abzutun, das verstärkt im Zweifel nur das Mißtrauen und die Panik der Menschen, die tatsächlich Angst haben. Ich glaube, daß wir uns viel mehr mit den Ängsten der Menschen – auch wenn wir sie nicht teilen oder nicht nachvollziehen können – auseinandersetzen müssen. Unser Umgang miteinander bedarf vermutlich genauso der Veränderung wie unser Umgang mit dem Thema Integration von fremden Menschen.

Glaube und Unglaube
Beim Nachdenken über dieses Begriffspaar bin ich über Christina von Schweden „gestolpert“ – „Alles glauben ist Schwachheit, nichts glauben ist Torheit.“ Ein treffender Satz – gerade auch im Hinblick auf Medien und unseren Umgang mit Medien und deren Inhalten. Wem glauben wir? Und inwieweit sind auch Medien von eigenen Interessen geprägt? Wem wollen wir glauben und warum? Wer kümmert sich eigentlich darum, uns allen die richtigen und wichtigen Fragen zu stellen – genauer eigentlich, daß wir uns die richtigen Fragen stellen?

Licht und Finsternis
In einem gewissen Sinne ist die Tatsache, daß so viele geflüchtete Menschen nach Europa kommen möchten, auch ein Kompliment für Europa. Von außen betrachtet stellt sich Europa als Ort des Lichts dar – ein Ort, an dem Menschenrechte beachtet werden, rechtsstaatliche Verfahren gelten, Menschen eine Chance und eine Perspektive haben. Vieles davon stimmt (immer noch), auch wenn ich selbst – aus dem Inneren Europas betracht – über viele Entwicklungen der letzten Monate und Jahre skeptisch und traurig bin. Aber wenn wir über „dunkle Zeiten“ oder „dunkle Orte“ sprechen, dann beziehen wir uns meistens auf Zeiten und Orte der Vergangenheit, in denen es hier keine Demokratie, keine Menschenrechte und keinen Rechtsstaat gab. Ich bin froh, daß wir in einer „helleren“ Zeit leben, gleichzeitig habe ich Angst, daß es auch bei uns „dunkler“ wird, wenn Grundrechte, Rechtsstaat und Demokratie durch neue Gesetze (zum Beispiel zur Vorratsdatenspeicherung) immer mehr ausgehöhlt werden.

Frühling der Hoffnung und Winter des Verzweifelns
Kommt nach dem „Frühling der Hoffnung“ tatsächlich der „Winter des Verzweifelns“? Viele öffentliche Äußerungen von Politikern und Berichte von Journalisten – zusammen mit den aktullen „Gesetzesprojekten“ – lassen es so erscheinen. Andererseits erlebe ich an vielen Orten – analog wie digital – das Menschen sich einsetzen – für Menschenrechte, für Demokratie und für geflüchtete Menschen. Und so wie im Ablauf der Jahreszeiten nach dem dunklen und kalten Winter auch wieder ein Frühling kommt, so hoffe ich, daß ich nach diesem Herbst wieder ein Frühling der Hoffnung kommt, in dem wir gemeinsam und demokratisch an den Aufgaben arbeiten, die uns die Weltgeschichte gerade beschert.

Was haben wir vor uns?
Gute Frage! Zukunft ist immer unsicher – wir leben nur mit der (meist schönen) Illusion, daß wir unsere Zukunft aufgrund unserer Erfahrungen der Vergangenheit kennen und beeinflussen können. Wir alle wissen nicht, was morgen auf uns zukommt und diese Unsicherheit gehört zu unserem Leben. Das muß und soll uns aber nicht daran hindern, für uns wichtige Themen anzusprechen und an Aufgaben, die wir für wichtig halten, gemeinsam mit anderen zu arbeiten.

Leben ist dynamisch. So wie wir gerade jetzt die Heizung den Temperaturen draußen anpassen (manchmal auch digital und automatisch), so können wir das, was uns wichtig ist, nur dann „bewahren“, wenn wir es immer wieder verändern und anpassen. Eigentlich „nur“ eine lebenslange und große Veränderungsaufgabe – mit vielen Chancen für uns alle, wenn wir uns daran beteiligen!